ÜBRIGENS... - Die Wochenendkolumne der OBERHESSISCHEN ZEITUNG
Samstag, 11.02.2012
Da
will man sich endlich mal wieder mit der Herzallerliebsten ein
Candle-Light-Dinner im angesagtesten Restaurant der Stadt gönnen,
doch was fällt einem plötzlich auf den Stufen zum Portal des
Gourmettempels siedend heiß ein? Ja, dass das Bargeld, das man dabei
hat, bei Weitem nicht ausreichen wird, um die außerordentlichen
Fähigkeiten des Chef de Cuisine, dessen Haus Geld- und Kreditkarten
kategorisch ablehnt, finanziell auch nur ansatzweise würdigen zu
können.
Gut,
vor dreißig Jahren hätte man nun entweder den Rückzug antreten
oder Zähne knirschend die hoffentlich zahlungskräftige Liebste
anpumpen müssen. Heute jedoch kann man sich ruhigen Gewissens und
ohne Angst, als ertappter Zechpreller unsanft auf dem Gehwegpflaster
zu landen, das 4-Gänge-Menu munden lassen - zum Glück finden sich
ja an so gut wie jeder Ecke neben Zigaretten- und den guten alten
Kaugummi-Automaten (mit den nicht mehr ganz so guten alten Kaugummis
drin) zahlreiche Geldautomaten.
Doch
Geld und Kaugummis sind lange schon nicht mehr alles, was sich im
Inneren so manch automatisierten Kastens verbirgt. Nein, in Automaten
wird heute so gut wie alles feilgeboten. In denen unserer
Bundeshauptstadt zum Beispiel. Ist Sonntag und der Hobby-Angler hat
dummerweise vergessen, Köder für seinen Angelausflug zu kaufen?
Kein Problem ... schnell mal zum Maden-Automat und für nen Euro eine
Büchse der bewegungsfreudigen Tierchen besorgt. Spät in der Nacht
und kein Postkartenladen mehr geöffnet? Auch kein Problem ...
schließlich gibt es den Ansichtskarten-Foto-Grußtext-Automaten. Mit
hochphilosophischen Texten wie „Nüchtern sind wir schüchtern –
voll sind wir toll!“ versehen, erstellt einem der Automat dort ganz
individuelle Postkarten. Wer's allerdings doch noch ein wenig
anspruchsvoller mag, der geht einfach zu einem der zwanzig Berliner
Kunst-Automaten und erwirbt dort für zwei Euro handgearbeitete
Aquarelle im Hosentaschenformat oder Mini-Ölgemälde.
Ach
ja, und dann gibt es in „Bärlin“, der Stadt, in der angeblich
Tag und Nacht der Bär tanzt, noch Pizza-, Fahrradschläuche-,
Regenschirm-, Videoverleih- und die im Winter beheizten
Eier-Automaten. Eine äußerst praktische, unverzichtbare Erfindung –
sollen doch nicht wenige unserer Zeitgenossen in schöner
Regelmäßigkeit mitten in der Nacht auf die kalorienreiche Idee
kommen, jetzt unbedingt noch einen Marmorkuchen backen zu müssen.
In
einer Berliner Markthalle, da findet sich jedoch etwas ganz
Besonderes. Dort steht ein Automat, der aussieht wie ein Fotoautomat,
und das war er in seinem ersten Leben auch. Nun ist er umgerüstet
zum „Gebetomat“, der kostenlos abrufbar rund 300 Gebete in 65
Sprachen bietet. Unter anderem das Vaterunser auf Spanisch,
tibetanische Mönchsgesänge, das islamische Freitagsgebet oder
Fürbitten auf Plattdeutsch.
Dass
sich allerdings in den Toilettenräumen der Berliner Bar „Zu dir
oder zu mir“ überhaupt noch ein Plätzchen für sanitäre Anlagen
gefunden hat, grenzt an ein Wunder: Dort gibt es neben den
obligatorischen Automaten zum Trocknen der Hände und denen, die mit
Kondomen in sämtlich verfügbaren Variationen und
Geschmacksrichtungen befüllt sind, auch noch einen Parfum-, einen
Zahnbürsten- und den berühmten „Fesche-Wäsche-Automat“.
Letzterer ist bestückt mit verführerischen Dessous in allen Größen,
Formen und Farben... ... na, und so hervorragend ausgerüstet müsste es
dann ja wohl – ganz automatisch – was werden mit 'ner richtig
aufregenden Hauptstadt-Nacht.
Samstag, 27.01.2012
Heutzutage muss alles so schnell wie möglich gehen: Schnell Geld verdienen, Pickel loswerden, Stress ab- und Muskeln aufbauen. Überall und in jeder Beziehung wird kräftig auf die Tube gedrückt. Eile mit Weile? Sorry, das können wir uns nun beim besten Willen nicht mehr leisten – „Ich muss noch schnell...“ ist schon lange zum geflügelten Satz geworden.
Tim Bendzko, Deutschlands neuer Shootingstar, tut nicht umsonst tagtäglich mehrfach im Radio kund: „Muss nur noch kurz die Welt retten, noch 148 Mails checken... die Zeit läuft mir davon!“ Ach ja, der arme Kerl, er kann einem wirklich leid tun - keine drei Refrains und knappe zwei Minuten später sind es schon 148713 Mails, die noch schnell gecheckt werden müssen.
Doch er ist nicht der Einzige, der unter Zeitdruck steht. Schnellreinigung, Schnellwaschgang, Schnellzug, ja selbst den Hefter gibt es nur noch in der Schnellversion. Und weil wir zu Hause leider keinen Schnellkochtopf haben, rasen wir mit Karacho ganz schnell über die Schnellstraße zum Schnellrestaurant, um uns im Anschluss daran beim Friseur schnell noch lange Haare machen zu lassen.
Wie heißt noch schnell das alte Sprichwort? Ach ja … Gott hat uns die Zeit geschenkt, von Eile hat er nichts gesagt. Um den Fußballgott kann es sich dabei aber wohl kaum gehandelt haben. Zum Zwecke des schnelleren Erwerbs von „Fußballspiel-Zubehör“ wird im Stadion von Bayer Leverkusen nämlich seit einiger Zeit eine Geldkarte zum kontaktlosen Bezahlen ohne Pin und Unterschrift erprobt. Und siehe da: die bargeldlosen Kassen klingeln – der Verkauf von Würstchen und Bier ging rasant in ungeahnte Höhen.
Schnell mal Abitur machen? Kein Problem – die Schulreform streicht ein Schuljahr. Schneller lesen lernen? Auch nicht schwer – die Deutsche Gesellschaft für Schnell-Lesen hat effektive Tipps parat, wie man ganz geschwind seine Lesegeschwindigkeit erhöhen kann. Damit sollte man aber, folgt man dem Rat der Schnell-Fachleute, recht früh beginnen, da sich die Phasen mit den höchsten Steigerungsraten in punkto Schnelligkeit angeblich bei Kindern zwischen dem achten und elften Lebensjahr zeigen.
Aus dem Alter sind unsere beiden Jungs schon eine ganze Weile raus. Doch zum Glück, wie Frau Mama festgestellt hat, kann sich die Lernfähigkeit ihrer Kinder, auch wenn sie genannter Schnell-Lern-Phase entwachsen sind, immer noch steigern. Die der Eltern allerdings auch. Belegt dadurch, dass unser Jüngster uns nämlich erst kürzlich etwas sehr Wichtiges beigebracht hat. Nein, keine Begriffe im Fachbereich Sozialpädagogik. Aber ein wenig in die Richtung gehts schon. Er meint nämlich, es sei ganz wichtig, dass wir uns nicht so viel Stress machen und stattdessen einfach öfter mal „chillen“ sollten - was aus seiner in unsere Sprache übersetzt ungefähr so viel bedeutet wie „sich über einen möglichst langen Zeitraum tiefgehend entspannen“.
Tja, und deshalb ruhen mein Mann und ich uns jetzt nicht mehr nur aus, nein, wir lernen, ausgiebig zu chillen. Was man zum perfekten Chillen braucht? Nicht viel. Nur ein bisschen Zeit, eine gemütliche Couch, sanfte Musik und die Einsicht in eine jahrhundertealte Weisheit: Ob du nun eilst oder langsam gehst – der Weg vor dir bleibt derselbe.
Samstag, 14.01.2012
Nicht
umsonst heißt es: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Je länger wir
uns an etwas gewöhnt haben, je vertrauter es uns ist, desto größer
erweist sich unsere Nichtbereitschaft, sich von ihm zu trennen. Ganz
gleich, ob es sich nun um liebgewonnene Marotten oder altbekannte
Dinge des täglichen Gebrauchs handelt, wir halten gerne daran fest
und sind meist nur mit Widerwillen bereit, das Altvertraute
herzugeben.Zu
ebendieser Erkenntnis bin ich im Herbst letzten Jahres gelangt –
gezwungenermaßen. Da musste nämlich auch ich, eine zugegeben
manchmal über die Maßen an Althergebrachtem Festhaltende, erkennen,
dass eine Trennung zuweilen unabwendbar ist. In diesem speziellen
Fall, ach ja… die von unserem fahrbaren Untersatz.Nun
ist es nicht so, dass ich nicht über die amtliche Genehmigung (und
Befähigung!) zum Führen von Kraftfahrzeugen verfügen würde. Nein,
aber das Autofahren gehört nicht unbedingt zu den Tätigkeiten, die
Begeisterungsstürme in mir zu wecken imstande wären. Ich bin nun
mal – fragen Sie meinen Mann – die geborene Beifahrerin.Aber,
mal ehrlich, was gibt es denn auch Schöneres, als Beifahrerin zu
sein? Man hat keinen Fahrstress und die Möglichkeit, sich ganz in
Ruhe die Landschaft, die an einem vorbeifliegt, zu betrachten oder
auf längeren Reisen auch mal die Zeitung zu lesen. Und wenn es
dunkel ist, ein bisschen zu träumen, vor sich hinzudösen und den
Kopf in die vertraute Mulde der Kopfstütze zu legen. Ach ja, man
kennt sein Auto in- und auswendig, es hat einen treu und zuverlässig
während zahlreicher Urlaubsfahrten begleitet. Und es riecht nach
Daheim, wie das eigene Wohnzimmer.Doch
dann geschieht plötzlich das Unvorstellbare: Auf einmal heißt es
von heute auf morgen Abschied nehmen. Und ehe man sich versieht,
steht keine zwei Tage später der Neue vor der Tür. Man setzt sich
hinein, aber irgendwie – pardon – ist es ein bisschen so, als
würde man sich zu einem fremden Mann mit fremden Armen, fremdem
Kinngrübchen und fremdem Rasierwasser ins Bett legen.
Aber
so ist das Leben nun mal – geprägt von Veränderungen. Bis in
sämtliche Bereiche ist man gezwungen, sich mit Neuerungen
abzufinden. Zuweilen nicht selten auch zum Besseren, Bequemeren und
Angenehmeren. Lieberen? Abwarten, das ist in diesem Fall eine Frage
des Beifahrerherzens.Und
so hoffe ich sehr, dass unser lieber blauer Elch in guten
Fahrerhänden ist und ein nettes weibliches Wesen, das die kleine
Kopfstützenmulde ebenfalls zu schätzen weiß, ab und zu auf seinem
Beifahrersitz Platz nimmt.Noch
lange, vielleicht für immer, werde ich beide vermissen – unseren
Elch ebenso wie seine wunderbare Mulde. Aber es wäre ungerecht, wenn
ich dem Neuen nicht wenigstens eine kleine Chance geben würde, auch
einen Platz in meinem Beifahrerherz zu erobern. An unsere neue Küche
mit ihren zahllosen technischen Raffinessen habe ich mich ja
schließlich auch irgendwann gewöhnt. Gut, es hat eine ganze Weile
gedauert. Das nervtötende Klacken beim Einschalten der alten
Dunstabzugshaube, das vermisse ich offen gestanden aber immer noch
ein wenig... na ja, ziemlich... gut, ganz ehrlich gesagt sogar sehr.
Samstag, 31.12.2011
Wer hat an der Uhr gedreht ... ist es wirklich schon so spät? Ja, anscheinend schon. Mit dem heutigen Tag ist nämlich der letzte des Jahres angebrochen. Aber wie ist das möglich? Schon wieder 365 Tage rum? Das kann doch gar nicht sein. Knall-bumm-päng! Ich höre sie noch ganz deutlich, die zahllosen Raketen, die zur Begrüßung des nunmehr kurz vor dem Exitus stehenden Jahres in den Himmel geschossen wurden. Und in wenigen Stunden kommen wir schon wieder in diesen Genuss – wie geht denn das?
Ja, da muss wirklich irgendwer an der Uhr gedreht haben, zumindest an der meinen. Ändert aber nichts daran, dass heute Nacht ein funkelnagelneues Jahr beginnt – wieder mal mit zahlreichen Änderungen. Allen voran die beständigste: die der Jahreszahl. Gefolgt von zahlreichen anderen, wie zum Beispiel (ebenfalls schon wieder mal) die der Steuergesetze.
Bloß das Brauchtum, das hat sich nicht geändert. Nach altbekanntem Ritus wird auch dieses neue Jahr lautstark begrüßt. Stolze 110 Millionen Euro – ein echter Knaller! – lassen die Deutschen sich das Geböllere kosten. Sekt, Fondue-Zutaten, Glücksschweinchen und Brandsalben nicht mit einbegriffen. Und vor allen Dingen nicht all das Blei, das am frühen Morgen des jungfräulichen Jahres gegossen werden muss.
Womit wir schon bei einem sehr wichtigen Jahresendzeitthema wären. Mein Onkel Alwin gibt nämlich, ebenso wie seine geräuschempfindliche Nichte, aus Prinzip nicht einen einzigen Cent für Knaller aus. Nein, aber für Pfunde von Blei. Das muss löffelweise dann so oft im Wasser landen, bis er drei Teile aus demselben fischt, die aussehen wie ein Kreuz, ein Herz und ein Anker. Und da braucht nicht nur Onkel Alwin, sondern auch der Rest der Familie eine Menge Glaube, Liebe und Hoffnung ... und vor allen Dingen Ausdauer.
Aber was soll's – Hauptsache, Onkel Alwin blickt zuversichtlich und gestärkt ins neue Jahr. An böse Geister, die es in der Silvesternacht mittels lebensgefährlicher Pyrotechnik zu vertreiben gilt, da glaubt er ohnehin nicht. Ebenso wenig wie an die „Weissagung“ des Maya-Kalenders, die den Weltuntergang im Jahr 2012 prognostiziert. Nein, Onkel Alwin ist vielmehr der Meinung, dass einem Volk, das noch nicht einmal seinen eigenen Untergang hat kommen sehen, unmöglich abgenommen werden kann, dass es imstande ist, den der ganzen Welt vorauszusehen.
Ja, von wegen Weissagung! Onkel Alwin lässt sich nichts weismachen. Zumal er sich fest vorgenommen hat, Johannes Heesters zu „überholen“ und mindestens 109 Jahre alt zu werden. Und mit Sicht auf dieses wichtige Vorhaben ist er nicht gewillt, sich von angeblichen Weltuntergängen einen Strich durch die Rechnung machen zu lassen. Doch selbst, wenn die Welt untergehen sollte, so ist das auch keine Katastrophe. Nein, wenn sie untergeht, dann geht sie auch wieder auf, ebenso wie die Sonne, meint mein schlauer Oheim, der für seinen richtigen Riecher weit über die Grenzen des Saarlands hinaus bekannt ist.
Na prima, da brauchen wir uns also keine Sorgen mehr zu machen und können beschwingt und vergnügt ins neue Jahr starten – bezüglich dessen ich Ihnen wünsche, dass es ein frohes und gesundes für Sie sein soll, liebe Leserinnen und Leser ... ganz gleich, ob es nun mit oder ohne Knall-bumm-päng seinen Anfang nimmt.
Samstag, 17.12.2011
Gerade mal noch eine Woche und dann ist er da, der Heiligabend. Höchste Zeit also, falls noch nicht geschehen, sich Gedanken über den Kauf eines passenden Weihnachtsbaums zu machen. Wobei das „passend“ von diversen Faktoren abhängt: Größe, dichtes Zweigwerk (auch in den oberen Regionen) und kerzengerader Stamm. Ja, rundherum passen soll er, so wie gute Schuhe, meint so manche anspruchsvolle Hausherrin.
Doch wer der Damenwelt nachsagt, beim Kauf von Fußbekleidung am wählerischsten zu sein, der hat sie wohl noch nie beim Weihnachtsbaumkauf erlebt. Da nämlich erst zeigt sich, wie überaus schwer zufriedenzustellen das weibliche Geschlecht auch in dieser Hinsicht ist.
Tja, und wer bekommt das am meisten zu spüren? Nicht der Weihnachtsbaumverkäufer. Der kann ja schließlich nichts dafür, dass man ihm in diesem Jahr nur grottenhässliche Bäume geliefert hat. Nein, die alleinige Schuld trägt der Ehemann, der seiner holden, ansonsten fast immer lammfrommen und überaus geduldigen Gattin die allerhässlichsten Exemplare des jeweiligen Angebots präsentiert.
Und da nutzt es ihm wenig, wenn er, nachdem er unter Aufbietung all seiner noch verbliebenen Kräfte beim vierten Händler das fünfzehnte Exemplar aus der hintersten Reihe seiner Artgenossen gehieft hat, beschwörend die harzverklebten Hände hebt und seine Frau mit erbarmungswürdigem Blick anfleht: „Schatz, schau mal, dieser Baum ist doch ganz hübsch, oder?“ Denn keinen Wimpernschlag später folgt schon die empörte Antwort: „Hübsch... bist du noch zu retten? Dieses viel zu kleine und auch noch schiefe Ding soll in unser Wohnzimmer? Nur über meine Leiche!“
Und obwohl ihm im letzten, ja, auch schon im vorletzten Jahr in einem Anflug von Verzweiflung ganz kurz der Gedanke kam, mit dem Tannenbaumnetz keinen Weihnachtsbaum sondern den Hals seiner Gattin zu umwickeln, ergibt er sich in sein Schicksal und trabt auch diesmal widerwortlos hinter seinem Eheweib her, das, die Hände in den warmen Taschen, mit dem Kinn auf die vor ihr zu trapierenden Bäume deutet... ach ja, von wegen Gnaden bringende Weihnachtszeit!
Nach zwei weiteren, an Nerven und Gemütsverfassung zehrenden Stunden ist der nadelige Geselle aber zu guter Letzt doch noch gefunden – bei einem Förster in fünfzehn Kilometer Entfernung. Aber das ist ein ganz Schlauer, dieser Waidmann. Erklärt, dass der Trend eindeutig zum Zweit-Baum geht. Einer für drinnen und einer für die unbedingt zu bebaumende Terrasse.
Jedoch ist ein Ende des Christbaumdramas nach dem Fund des Draußen-Exemplars leider immer noch nicht in Sicht. Nein, gleich am Montag kommt sie wieder, teilt Frau Wählerisch dem Förster nebenbei mit - samt Mann, Maus und Mutter. Und somit steht fest, dass der Vorhang des gewiss ellenlangen zweiten Akts dieses Dramas erst fallen wird, wenn es Schwiegermamas Edeltanne auch getan hat.
Oh du Fröhliche, das kann ja heiter werden, denkt sich der arme Christbaumschlepper, der den Heiligen Abend, an dem er endlich die malträtierten, zerstochenen Hände in den Schoß wird legen können, kaum noch erwarten kann: Denn dann heißt es endlich wieder „Fröhliche Weihnacht überall“ – dank des mit fachfraulichem Blick auserkorenen allerallerschönsten Tannenbaums, den die Welt je gesehen hat … ach, wenn es doch bloß schon so weit wäre!
Samstag, 03.12.2011
Das ganze Jahr über verhalten sie sich eher unauffällig. Sobald jedoch das letzte Kalenderblatt zartgolden in Erscheinung tritt, tauchen auch sie – alle Jahre wieder – aus der Versenkung auf: die zu allem bereiten Advents-Hysteriker. Von einem aggressiven Vorweihnachts-Stress-Virus befallen breitet sie sich nun schlagartig und flächendeckend aus, diese unberechenbare Spezies, die man unschwer am missmutigen Gesichtsausdruck, dem hektischen Gehabe und dem ganz und gar nicht christlichen Gebaren erkennen kann.
Von nun an ist äußerste Vorsicht geboten, denn bei diesen Jahresendzeit-Cholerikern ist mit allem zu rechnen. Überall kann man ihnen begegnen und sie kennen kein Pardon: Schon früh morgens an der Bushaltestelle schubsen sie Omis und Opis beim Einsteigen gnadenlos zur Seite, weil sie unbedingt noch einen Sitzplatz an der Tür erwischen wollen, um rechtzeitig da zu sein, wenn die Kaufhausportale sich öffnen und es wieder heißt: Süßer die Kassen nie klingeln.
Dort angekommen stürzen sie hemmungslos durch sämtliche Etagen und rennen Nikoläuse, Tannenbäume und Duftflakon-Pyramiden um, nur um unbedingt die Ersten zu sein, die mit Errungenschaften wie dem „Gemetzel der Zombies 4“ oder „Weihnachten mit Heini und Annelore“ an der Kasse stehen.
Doch Advents-Hysteriker wissen: sie haben das Pech gepachtet. In jedem Jahr landen sie an den Kassen mit den lahmsten, schusseligsten und begriffsstutzigsten Verkäuferinnen, die verhindern, dass die hungrigen Hysteriker sich noch schnell eine ordentliche Portion der Lebkuchenproben im Erdgeschoss einverleiben können, bevor das silberne Tablett leer und der Stand verwaist ist, weil die Blasen der die kostenlosen Köstlichkeiten darbietenden Nikoläusinnen schon wieder mal voll gewesen zu sein scheinen.
Mist, dabei wäre gerade jetzt ein wenig Nervennahrung so wichtig gewesen, zumal die ernährungsbewusste Gattin dem Hysteriker eine strikte Advents-Diät verordnet hat... mit der lapidaren und wenig überzeugend klingenden Erklärung, dass ansonsten nämlich die Bescherung platzen wird, weil der Hausherr Gefahr läuft, dass ihn kurz vor Weihnachten mit lautem Knall das gleiche Schicksal ereilt.
Egal, weiter geht’s. Kampfbereit werden die Ellenbogen ausgefahren und sich sodann der Weg auf der lahmsten Rolltreppe der Republik ohne Rücksicht auf fremde Verluste errempelt. Denn jetzt naht die eigentliche Bewährungsprobe. Da nämlich der leider anscheinend nur in einer Hinsicht fleißige Schwiegersohn das ganze Jahr über nichts anderes zu tun hat, als dem Ruf „Ihr Kinderlein kommet“ tatkräftig zu folgen, muss schließlich auch noch der Spielwarenabteilung ein Besuch abgestattet werden. Und wieder hat er Pech, der Advents-Hysteriker. Ein blonder Rauschgoldengel mit langen Beinen – zu Nicht-Advents-Zeiten durchaus einen zweiten und dritten prüfenden Blick wert – schnappt ihm doch tatsächlich den letzten Harry-Potter-Zauberutensilien-Koffer direkt vor der Nase, von der schon der Schweiß tropft, weg.
Ach ja, zaubern müsste man können, denkt sich der ermattete Advents-Hysteriker und hält unerwartet inne mit versonnenem Blick. Und plötzlich sieht er sich unter Palmen am Strand - mit einem Rumkugel-Cocktail in der Hand und dem blonden, nur spärlich mit einem Weihnachtsservietten-Bikini bekleideten Rauschgoldengel im Arm... allerdings nur so lange, bis der sich als Artgenosse entpuppt und ihm im Vorbeirasen mit voller Wucht den Zauberkoffer in die Rippen rammt.
Samstag, 19.11.2011
Ein Wort, das gerade mal aus fünf Buchstaben besteht, aber die Menschheit zu allen Zeiten bewegt hat wie kaum ein anderes: das kleine Wort „Warum“. Egal ob groß oder klein, jung oder alt – dieses Wörtchen war und ist tagtäglich rund um den Globus in aller Munde. Kein Wunder, kann man sich doch bezüglich von fast allem fragen, warum es so war, wie es war, so ist, wie es ist, und warum es so sein könnte, wie es dann vielleicht auch sein wird.
Warum die Banane krumm ist und der Himmel blau, das haben wir in der für sämtliche Altersklassen lehrreichen Sendung mit der Maus ja schon erfahren dürfen. Und nicht umsonst heißt es auch in der Sesamstraße: Wieso, weshalb, warum – wer nicht fragt, bleibt dumm. Ja, man darf nicht verzagen, man muss nur fragen. Auch als Erwachsener.
Deshalb wissen diejenigen, die das gleichnamige Buch gelesen haben, nun endlich auch, warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken. Und dem eher visuell veranlagten Typ, der mit schriftlichen Erklärungen nicht so unbedingt viel anzufangen weiß, dem wird die Antwort auf diese zugegeben recht diffizile Frage mittlerweile sogar in Form eines Kinofilms ausführlich erläutert.
Der Schwierigkeitsgrad möglicher Antworten auf die Frage „Warum?“ kann jedoch unterschiedlicher kaum sein. Grob gesagt lassen sich die Warum-Fragen nämlich in drei Kategorien unterteilen. In die, die sich recht einfach beantworten lassen: Warum habe ich so entsetzliche Bauchschmerzen? Ganz einfach - weil ich einen großen Schokoladen-Nikolaus samt seines Zwillingsbruders fast ohne Luft zu holen in der Rekordzeit von knapp sieben Minuten verschlungen habe.
Dann die, die sich bezüglich ihrer Beantwortbarkeit im mittleren Bereich bewegen: Warum will Hape Kerkeling „Wetten dass...“ nicht moderieren? Na ja, vermutlich weil er der Meinung ist, dass blonde Langhaarperücken ihm nicht besonders gut stehen und er außerdem kein sonderlich großes Interesse daran hat, stundenlang auf der Fernsehcouch die Oberschenkel weiblicher Gäste zu tätscheln.
Und schließlich diese ganz speziellen Fragen, die kein Mensch je wird beantworten können: Warum haben Männer Brustwarzen? Ja, warum? Kann mir das bitte mal jemand verraten? Und – gut, jetzt sind sie ihn zwar endlich los – aber warum haben sich die Italiener jahrelang einen Typ wie Silvio Berlusconi angetan, obwohl er ein miserabler …, ein ekelhafter … und obendrein auch noch ein widerliches … ist? Ja, warum bloß?
Keine Ahnung. Warum ich allerdings die Pünktchen da oben gemacht habe, das kann ich erklären: weil ich weder Ärger mit bösen italienischen Rechtsanwälten noch mit meiner lieben Schwiegermutter haben möchte... und mit unserem charmanten Chefredakteur schon gar nicht.
Nein, dem stelle ich bei dieser Gelegenheit lieber meine ganz persönliche Warum-Frage des Monats. Brennend würde mich Wissbegierige nämlich interessieren, warum neben meiner Kolumne am Rand der Zeitungsseiten beziehungsweise an ihrem unteren Ende manchmal kleine Löcher sind und manchmal nicht ... ja, denn auch Kolumnistinnen bleiben, selbst wenn sie nicht in der Sesamstraße wohnen, dumm, wenn sie nicht fragen.
Samstag, 05.11.2011
Vergangene Woche haben wir durch die Umstellung von der Sommerzeit auf die reguläre Zeit und dem damit einhergehenden Zurückstellen der Uhr eine Stunde länger schlafen dürfen ... dürfen wohlgemerkt, nicht können. Denn der Mensch ist ein Gewohnheitstier, dessen Organismus sich zumeist nach der ihm eigenen inneren Uhr richtet, die sich partout durch keine Zeitumstellung von jetzt auf gleich verstellen lassen will.
So wie die meine. Für einen Zeitraum von noch mindestens vier Wochen werde ich wunderbar auch ohne meinen Radiowecker auskommen. So ziemlich genau eine Stunde, bevor er zu dudeln beginnt, klingelt nämlich schon mein innerer Wecker. Dann sitze ich hellwach im Bett und habe nichts Besseres zu tun, als dem Rauschen der Autobahn und den Schritten unseres Zeitungsboten zu lauschen – und mir nebenbei ein paar Gedanken zu machen, wie total blödsinnig und überflüssig die Sommerzeit, die erwiesenermaßen keinerlei Energieeinsparung bringt, doch ist.
Aber ob er nun aus dem gewohnten Rhythmus gebracht worden ist oder nicht: Die Statistik besagt, dass der Mensch im Schnitt rund sieben Stunden pro Tag schläft. Wenn es also keine anderen Dinge gibt, die uns den Schlaf rauben, raubt uns der Schlaf fast ein Drittel unseres Lebens. Himmel, was in dieser Zeit alles zur Steigerung des Bruttosozialprodukts zu schaffen wäre! Herr Schäuble würde sich die Hände reiben vor lauter Freude auf die Aussicht, in welch kurzer Zeit wir unser Deutschland wieder schuldenfrei hätten. Ach, was sage ich: steinreich würden wir alle, denn das viele Geld für Betten, Matratzen, Schlafanzüge, Wecker, Schlafmittel und Anti-Schnarch-Kuren hätten wir obendrein auch noch gespart.
Unseren Finanzminister plagen indes momentan ganz andere Sorgen. Speziell, wenn er bestimmte Mitarbeiter seines Ministeriums, die ganz offensichtlich auch im Wachzustand ab und an von einer hartnäckigen Form des Schlafes heimgesucht werden, betrachtet. Wie könnte den vor sich hin dösenden Ministerialbeamten ansonsten nämlich wohl so völlig entgangen sein, dass eine Bank, die zu 100 Prozent dem Bund gehört, Addieren mit Subtrahieren verwechselt und sich um die unglaubliche Summe von sage und schreibe 55 Millionen Euro verrechnet hat? Da muss man doch irgendwie gepennt haben, oder? Womit wieder mal bewiesen wäre, dass der, der schläft, durchaus auch imstande ist, in gewisser Art und Weise zu sündigen.
Dabei wäre alles doch eigentlich ganz einfach. Die unter Amtsmüdigkeit leidenden Herrschaften müssten sich bloß angewöhnen, wie die Delphine zu schlafen. Die tun das nämlich immer nur mit einer Gehirnhälfte. Oder wie die Enten. Da sind die, die in der Entengruppe ganz außen stehen, hellwach und auf der Hut. Die, die sich im Innenkreis befinden, schlafen tief und fest. Nach gewisser Zeit wird immer mal wieder gewechselt. Dann kommen die Ausgeschlafenen nach außen, übernehmen die Rolle der Wachtposten und keiner kann dem Entenclan was anhaben, denn potentielle Störenfriede stehen unter permanenter Beobachtung.
Wenn ich es recht bedenke, wäre das doch die ideale Lösung der Probleme im Finanzministerium - ein Amtswolf im Schlaf fing nämlich noch niemals ein Bad-Bank-Schaf ... selbst dann nicht, wenn es sich um eines handelt, das so doof ist, dass es noch nicht mal Plus von Minus unterscheiden kann.
Samstag, 22.10.2011
Ach, wie schön ist es doch, verliebt zu sein! Man schwebt im siebten Himmel, der voller Geigen hängt und voller rosaroter Brillen. Welch ein Glück! Vor lauter Freude könnte man unablässig von einer Wolke zur nächsten hüpfen, wäre da nicht die nagende Gewissheit, dass es sich nur noch um Sekunden handeln kann, bis man das Zeitliche wird segnen müssen. Doch nicht, weil der Hüpfsprung zur nächsten Wolke misslingt. Nein, ganz einfach deshalb, weil man sicher ist, die Marter der acht Stunden Wartezeit bis zum nächsten Wiedersehen mit dem geliebten Himmelswesen unmöglich überleben zu können.
Doch leider hat es sich in manchen Fällen recht schnell ausgeschwebt und eh man sich versieht, fällt man aus allen Wolken. Im Sturzflug gehts vom siebten Himmel in den sechsten, den fünften, den vierten, und irgendwann landet man dann unsanft auf der Erde. Mit erheblichen Kopfschmerzen - sind doch auch alle Geigen dank steigender Fallgeschwindigkeit mit Wucht auf dem ohnehin schon dröhnenden Schädel gelandet. Und als wenn das immer noch nicht genug der Pein wäre, macht es kurz darauf neben einem plumps... und wer sitzt da? Die angeblich bessere Hälfte, mit der man im Himmel die leider auch auf Erden gültige Ehe geschlossen hat und die einen nun ohne Unterlass mit rosaroten Brillen bewirft.
Solange es aber nur bei derlei Attacken bleibt, hat man immer noch Glück gehabt. Mit mehr oder minder großen Blessuren geht jeder seiner Wege und nimmt sich vor, beim nächsten Mal ein bisschen weniger anspruchsvoll zu sein und sein Glück anstatt mit flatterhaften Pseudo-Engeln mal mit jemand Bodenständigerem zu versuchen.
Zuweilen allerdings war das alles nur der Anfang vom sich in die Länge ziehenden Ende. Der Scheidungskrieg beginnt, und da wird schweres Geschütz in Stellung gebracht. Denn nicht mehr nur mit rosaroten Brillen und Schimpfwörtern wird um sich geworfen, nein, auch Nudelhölzer und gusseiserne Bratpfannen werden zu legitimen Kampfmitteln erklärt.
Das Schlimmste jedoch kommt noch: Die schon früher immer alles besser wissende Hälfte verlangt von der anderen Hälfte doch tatsächlich die Hälfte aller Besitztümer. Frechheit, als wenn man nicht schon genug damit zu tun hätte, sich mit den Hälften seines gebrochenen Herzens zu beschäftigen!
Aber so ist das nun mal: Es muss geteilt werden, auch wenn das einstmals als Sechser im Ehe-Lotto empfundene Himmelsgeschöpf sich auf Erden als blaues Wunder aus der Ehe-Überraschungstüte entpuppt. Da heißt es dann nicht mehr nur: Gib mir mein Herz zurück! Nein, auf profane Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs wird gesetzlich begründeter Anspruch erhoben – zumindest zur Hälfte.
Gesetz ist Gesetz, dachte sich deshalb auch eine immer schon gern alles wörtlich nehmende Ex-Ehefrau und beschloss, rechtmäßig zu handeln. Kurzerhand stellte sie, nachdem sie das Scheidungsurteil gelesen hatte, die nur noch zweirädrige Familienkarosse vor der neuen Liebesnest-Wohnstatt ihres ehemaligen Gatten ab – in der Mitte durchtrennt und versehen mit der Aufschrift: Hier hast du deine Hälfte!... ob es sich dabei allerdings um die bessere gehandelt hat, das mag – ebenfalls völlig zu Recht – bezweifelt werden.
Samstag, 07.10.2011
Mit dem Nichts, da ist das so eine Sache. Nichts ist zwar nichts, aber tatsächlich kann es noch weniger geben als nichts. Den meisten genügt es nämlich nicht, wenn sie darlegen, nichts gemacht zu haben, nein, sie meinen, unbedingt vermitteln zu müssen, dass sie noch weitaus weniger getan haben als nichts: Nämlich gar nichts, überhaupt nichts oder sogar absolut nichts.
Ein wenig verdächtig klingen derlei Beteuerungen allerdings schon. Mindestens ebenso verdächtig wie die Antwort „An gar nichts!“ auf die Frage der wissensdurstigen Gattin: „Liebling, an was denkst du gerade?“
Klar, in solch heiklen Fällen nun gar keinen Ton von sich zu geben und überhaupt nichts zu sagen, das würde einen selbstverständlich noch verdächtiger machen. Doch lediglich mit einem „An nichts“ zu antworten, das reicht nun wirklich nicht. Nein, richtig müsste es heißen: „An gar nichts... außer an dich, meine Schönste!“
Aber in null Komma nichts fallen einem so eben mal aus dem Nichts dermaßen gute Antworten leider nicht immer ein. Und dass man beteuert, doch nichts dafür zu können, dass man wirklich an nichts gedacht hat, nutzt einem in diesem Fall wenig beziehungsweise gar nichts. Das aufgebrachte Eheweib tobt und wieder mal heißt es für den gänzlich zu Unrecht Verdächtigten: Viel Lärm um nichts - wegen nichts und wieder nichts.
Aber nichts ist bekanntlich unmöglich. Und das sollte der brave Ehemann, der fortan nichts dem Zufall mehr überlassen will, seiner Gattin bei einer kleinen Versöhnungsreise in die brandenburgische Stadt Kyritz unbedingt mal vor Augen führen. Denn Gedanken kann sie ganz offensichtlich zwar keine lesen, dafür aber bestimmt die Worte, die dort auf einer in den Marktplatz eingelassenen Tafel stehen: „Dieser Stein erinnert an den 14.02.1842. Hier geschah um 10.57 Uhr NICHTS.“
So, bitteschön, der Beweis ist angetreten: das Nichts kann geschehen – und somit existiert es! Und wenn etwas existiert, dann wird man doch auch ungestraft mal an es denken dürfen. Und nicht nur das. Im Internet, in dem es bekanntlich so gut wie nichts gibt, das es nicht gibt, da kann man es sogar käuflich erwerben – das in den höchsten Tönen dort angepriesene “Garnichts“. Gleich bestellt dient es ausgezeichnet zur möglichen Untermauerung der Beweisführung, ist man doch nun in der glücklichen Lage, zur vermeintlich besseren Hälfte sagen zu können: „Mein Schatz, schau her – hier kannst du es sehen, das Garnichts, an das ich immer denken muss!“
Ich persönlich habe mit dem Nichts allerdings nichts am Hut und möchte auch nichts mit ihm zu tun haben. Nein, wer weiß, um was genau es sich dabei handelt. Vielleicht kann es ja beißen oder verströmt einen unangenehmen Geruch. Deshalb möge man mich mit dem Nichts bitte verschonen, denn von Nichts verstehe ich ohnehin nichts... aber immerhin habe ich es geschafft, dieses Nichts – nichts für ungut! - bis hierhin sage und schreibe ganze 36-mal in meiner Kolumne unterzubringen. Ist doch schon mal was, und immer noch besser, als stünde hier überhaupt nichts... oder?
Samstag,23.09.2011
Wohl schon sein jeher hat der Mensch für Höchstleistungen und Rekorde ein Faible - speziell, wenn sie höchstselbst von ihm vollbracht werden. Schneller, größer, weiter, höher - so lautete vermutlich schon in der Steinzeit die Devise. Im Wettkampf wurde sich gemessen und der Sieger verlangte nach angemessener öffentlicher Anerkennung.
Doch gleich zu welcher Zeit: Der angebliche Rekord, er blieb verdächtig, solange nicht belegt war, dass es sich auch wirklich um einen solchen handelte. Wo war der Beweis, wer konnte den Rekordverdacht endgültig bestätigen? Niemand.
Bis zum Jahr 1955. Da beschloss ein irischer Herr namens Beaver, dass diesem unschönen Zustand der Verdächtigungen nun unbedingt ein Ende zu bereiten sei. Und so erschien in diesem Jahr im Auftrag der Guiness-Brauerei, deren Geschäftsführer er war, das erste „Guiness Book of Records“, das bis zum heutigen Tag in regelmäßigen Abständen aktualisiert und neu veröffentlicht wird. Auf der ganzen Welt und in unzählige Sprachen übersetzt kann man es kaufen und es gilt unumstritten als „bedeutendste Sammlung von Rekorden“. Ob jedoch jeder der viertausend darin aufgelisteten und anerkannten Rekorde wirklich immer von Bedeutung ist, das wird von manchem bezweifelt. Verständlich, denn die Art der dort verzeichneten Höchstleistungen ist teilweise an Skurrilität nur schwer zu überbieten.
Da findet sich zum Beispiel die 45-jährige Missis Walton, deren Fingernägel laut ihrem eigenen Bekunden seit 1990 keine Schere mehr gesehen haben. Was zur Folge hat, dass sie nun mehrere Flaschen Nagellack pro spiralförmig gewachsenem Nagel braucht, denn jeder einzelne ist unglaubliche dreißig Meter lang. Ein gruseliger Anblick – dagegen sieht der kleinste Mann der Welt aus Nepal mit seinen 67 Zentimetern richtig goldig aus. Was man wiederum von dem meistgepiercten Mann, einem Deutschen aus Dortmund, nicht unbedingt behaupten kann: Wenn man sein Gesicht betrachtet, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, in ein lebendiges Schrauben-Ersatzteillager zu blicken.
Ein gewisser Monsieur Lotito hingegen, der in unserem schönen Nachbarland Frankreich beheimatet ist, „schmückt“ sich nicht nicht mit metallenen Gegenständen, nein, er befördert sie mit Vorliebe in sein Inneres. Jeden Tag verspeist er sage und schreibe 900 Gramm Metall und hat sich so laut Guiness-Buch-Eintrag seit 1966 unter anderem achtzehn Fahrräder, fünfzehn Einkaufswagen und ein Leichtflugzeug einverleibt.
Richtig mit der Angst zu tun bekommt man es allerdings spätestens dann, wenn man sich den neuseeländischen Kettensägen-Jongleur Lucky Diamond Rich einmal näher betrachtet. Dessen gesamter Körper ist in mehreren Schichten übereinander tätowiert – einschließlich des Zahnfleisches und der Haut in Nase und Ohren. Aua!
Da kommen Rekorde wie „Wer kann in einer Minute die meisten Haushaltsgeräte werfen?“ oder „Wer kann einen Bus mit seinen Ohren am weitesten ziehen?“ noch richtig harmlos daher. Ja, denn das Guiness-Buch der Rekorde hat in seiner reichen Vielfalt wirklich noch weitaus Absonderlicheres zu bieten. Nur ein aus seiner Sicht ganz klarer Mehrfach-Rekordhalter, der bleibt gänzlich unerwähnt – und zwar der attraktivste, charismatischste, fähigste und am besten frisierte Staatsmann der Welt.
Na, wer könnte das wohl sein? Überhaupt keine Frage... mein ganz spezieller Freund Silvio Berlusconi selbstverständlich.
Samstag, 10.09.2011
Früher waren die Menschen geduldiger. Wohl auch deshalb, weil sie wussten, dass bestimmte Dinge nur zu einer bestimmten Zeit passieren. Weihnachten zum Beispiel. Da fiel das Warten nicht gar so schwer, denn es stand unverrückbar fest: Am 24. Dezember kommt das Christkind mitsamt der neuen Eisenbahn oder den elektrischen Lockenwicklern.
Heutzutage ergibt sich neben dem eigentlichen Warten aber noch ein zusätzliches Problem: In vielen Fällen hat man nämlich nicht die geringste Ahnung, über welchen Zeitraum sich die leidige Wartezeit erstrecken wird, und das macht sie umso peinigender.
Wann zum Beispiel endlich der Zug, der Verspätung hat, eintrudelt, das weiß kein Mensch. Nur vage Andeutungen werden dem Reisenden zuteil. Zu Beginn, da tönt aus dem Lautsprecher, dass es ungefähr zehn Minuten sind, dann zwanzig, aber selbst nach einer halben Stunde ist noch kein Zug in Sicht. Niemand ist imstande, einem sagen zu können, ab wann man das zweifelhafte Glück haben wird, die hochsommerlichen Temperaturen nicht mehr auf dem Bahnsteig, sondern im Inneren eines auf Klimaanlagen allergisch reagierenden ICE der Deutschen Bahn genießen zu dürfen.
Wieder mal, wie so oft im Leben, ist Warten angesagt. Und für derlei überflüssige Angelegenheiten ist der moderne, von Natur aus ungeduldige Mensch nun mal überhaupt nicht geschaffen – untätig und missgelaunt der Dinge harren zu müssen, die da, weiß der Geier wann, endlich kommen werden. Vor allem aber stellt sich die drängende Frage: Was soll er mit sich und der ihm zwangsweise auferlegten Pause bloß anfangen?
Im Berliner Bode-Museum, das sich momentan kaum retten kann vor dem Andrang unzähliger Besucher, die sich die Ausstellung „Gesichter der Renaissance“ unbedingt anschauen wollen, da kann man sich die Wartezeit wenigstens noch mit dem Betrachten von Gesichtern der Neuzeit, die ebenso erwartungsvoll wie man selbst zum weit entfernten Museumseingang blicken, verkürzen.
Und in den Wartezimmern der Arztpraxen, da hat man die Möglichkeit, in allerlei Zeitschriften zu schmökern. Zur Not, wenn man sie alle durch hat, auch noch in den zahlreichen Gesundheitsreform-Hinweisen, die dort dem Patienten Tapetenbahnen gleich zur Kenntnis gebracht werden müssen.
Richtig schlimm wirds aber, wenn man den Kampf mit der überaus giftigen Telefon-Warteschlange aufgenommen hat. War es in früheren Zeiten nämlich ganz selbstverständlich, dass ein Mensch den Hörer am anderen Ende der Leitung abnahm, so tut das heute eine Maschine – und zwar auf äußerst nervige Weise. Denn neben der monotonen Kaufhausmusik, die man sich in den zahllosen Windungen der so genannten Warteschleifen anhören muss, weiß man nie, wie viele „Bitte warten Sie!“ einem noch das Ohr martern werden, bis sich endlich ein lebendiges Wesen bequemt haben wird, das Gespräch, sollte es denn überhaupt jemals noch eines werden, anzunehmen.
Doch auch das monotone „Bitte warten Sie!“ kann noch übertroffen werden – und zwar durch ein sich ohne Unterlass wiederholendes „Please hold the line!“. Was, wie, die Leine solch ich halten? Welche Leine bitteschön … ich habe echt schon genug Probleme damit, mich mit der mir verbliebenen freien Hand am Riemen zu reißen.
Samstag, 27.08.2011
Nicht nur, weil man Füße und Seele baumeln lassen kann, heißt es, die Urlaubszeit sei die schönste Zeit des Jahres. Nein, auch weil man die Möglichkeit hat, die altbekannte Umgebung zu verlassen und sich via Auto, Bus, Flugzeug oder Schiff zu neuen Ufern aufzumachen, um diese zu erkunden.
Leider kann es jedoch vorkommen, dass die Urlaubsfreude schon zu Beginn ein jähes Ende findet. Manchmal haben sich nämlich die dreihundert Meter bis zum Strand seit Drucken des Reisekataloges auf wundersame Weise verzehnfacht oder auf dem Ding, das irgendwann mal eine Hotelterrasse werden soll, leisten einem Betonmischmaschinen und Mörteleimer unangenehme Gesellschaft.
Und muss man sich derlei Elend dann endlich nicht mehr betrachten, weil die Schlafenszeit angebrochen ist, wird einem selbst diese Erholung noch verwehrt. Nicht nur aufgrund der in unmittelbarer Nähe gelegenen, in keinem Prospekt erwähnten Großraumdiskothek, sondern auch durch die zahlreich aus allen Ecken und Spalten hervorkriechenden sechsbeinigen Mitbewohner, von denen einige ernsthaft vorzuhaben scheinen, zwar nicht die Übernachtungskosten, dafür aber die Schlafstatt des Hotelzimmers ganz ungeniert mit einem zu teilen.
Nein, manchmal macht es echt keinen Spaß, in Urlaub zu fahren, und nicht umsonst beanspruchen geprellte Reisende alljährlich in unzähligen Fällen völlig zu Recht Entschädigungen, die ihnen von den Gerichten auch zugesprochen werden.
Zuweilen allerdings können die Richter nur staunen, was so alles per Nachurlaubs-Klageschrift beanstandet wird. Mal sind zu viele Fische im Meer, mal ist zu viel Sand am Strand, die Wellen sind zu laut und in spanischen Hotels gibt es zu viele Spanier. Im Reiseprospekt fehlt der Hinweis, dass man nirgendwo englische Kekse kaufen kann, die Dusche ist für vier Leute einfach zu klein und man wird gezwungen, den halben Urlaub zu verschlafen, weil die Betten zu bequem sind. Die Messer sind zu scharf, die Gabeln zu spitz und in Indien, da gibt es einfach viel zu viel indisches Essen. Unverschämtheit!
Einer guten Partnerschaft ganz und gar abträglich ist so mancher Urlaub zudem ebenfalls. Die Versöhnung eines Paares auf Mauritius scheiterte beispielsweise angeblich daran, dass der Sonnenuntergang zu schnell vonstatten ging, und ein deutscher Urlauber wunderte sich gar, dass seine in Las Vegas geschlossene Ehe auch in Deutschland Gültigkeit besaß, woraufhin er sich veranlasst sah, den Reiseveranstalter auf Schmerzensgeld für die unfreiwillige Vermählung zu verklagen.
Oh ja, nur ansatzweise lässt sich erahnen, wie viele Damen und Herren der Richterschaft sich beim Vortrag der Begründung von urlaubsbedingten Entschädigungsansprüchen auf die Zunge beißen, um nicht lauthals lachen zu müssen. Vielleicht überkommt sie manchmal über den Lachdrang hinaus aber auch durchaus begründetes Mitleid – zum Beispiel mit dem Afrika-Reisenden, dessen Flitterwochen seinen Angaben zufolge vollkommen ruiniert waren... nach dem Anblick eines gattungsbereiten Elefantenbullen, durch den der arme Kerl sich von diesem Moment an absolut „unzureichend ausgestattet“ fühlte.
Keine Ahnung, was genau der Richter sich beim Anblick dieses Urlaubers gedacht haben mag – ich für meinen Teil kann auf alle Fälle nicht umhin, mir die Frage zu stellen, ob ein weiter oben in der Schädelhöhle dieses Herrn befindliches Körperteil nicht vielleicht doch noch um einiges unzureichender ausgestattet sein könnte.
Samstag, 13.08.2011
Verwechslungen – manchmal passieren sie, weil man nicht richtig hingesehen oder hingehört hat. Manchmal aber auch, weil man beim Recherchieren die notwendige Gründlichkeit vermissen ließ. So wie eine chinesische Wochenzeitung, die eigentlich einen Leitartikel über den US-Investor George Soros veröffentlichen wollte. Tat sie schließlich auch – allerdings zeigte das dazugehörige Foto, das untertitelt war mit „Das Finanzkrokodil“, nicht Mister Soros, sondern den früheren deutschen Außenminister Joschka Fischer.
Auch die ugandische Presse scheint ihre Artikel rein nach Gehör zu verfassen, schrieb eine dortige Zeitung doch Ende Juni über den Besuch von Guido Westerwelle im Nachbarland Sudan: „Der deutsche Außenminister Jido Fister Filly wird heute in Khartoum eintreffen...“
Bei näherer Betrachtung wird es immer deutlicher: Speziell, was die Welt der Politik betrifft, scheinen Verwechslungen an der Tagesordnung zu sein. Die US-Politikerin Sarah Palin, weit über die Grenzen Amerikas hinaus bekannt für peinliche Patzer, verwechselt das demokratische Süd- mit dem erzkommunistischen Nordkorea und Michele Bachmann, republikanische Präsidentschaftskandidatin, den berühmten Westernhelden John Wayne mit einem gleichnamigen Serienkiller.
Im US-Fernsehsender Fox hieß es: Obama bin Laden ist tot! Und auch der deutsche Regierungssprecher Steffen Seibert scheint ein Problem mit korrekter Namenswiedergabe zu haben, denn via Internet setzte er die ganze Welt davon in Kenntnis, die Kanzlerin habe verlauten lassen, dass „Obama“ für den Tod tausender Unschuldiger verantwortlich sei.
Doch damit nicht genug: Der indische Außenminister verliest vor dem UN-Sicherheitsrat in New York versehentlich die Rede seines portugiesischen Kollegen. Und – oh là là! – Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy tut bei einem Empfang im Elsass ganz selbstverständlich kund, dass er der Meinung ist, „gerade in Deutschland zu sein“.
Ja, Politiker reden viel – zuweilen allerdings auch ganz viel Unsinn... quer durch alle Länder und Parteien. Franz Müntefering ist es schon passiert, dass er Christian Wulff freudestrahlend in die Reihe der „großen und erfolgreichen Sozialdemokraten“ eingeordnet hat. Und auch Rudolf Scharping und Angela Merkel können nicht immer alles unterscheiden. Ganz gerne verwechseln sie nämlich mal Brutto mit Netto, ebenso wie Grünen-Chef Cem Özdemir Gigawatt mit Gigabyte. Ohne Frage den deutschen Verwechslungsvogel abgeschossen hat jedoch Edmund Stoiber, als er öffentlich bekannte, es „als wohltuend empfunden zu haben, dass die Bundeskanzlerin gegenüber dem amerikanischen Präsidenten Breschnew Guantanamo kritisiert hat“. Peinlich, peinlich.
Doch Schwamm drüber. Wollen wir nicht zu hart ins Gericht gehen mit den armen Politikern, die geblendet und mit Argusaugen betrachtet im Schweiß treibenden Licht der Öffentlichkeit stehen - zumal, wenn man bedenkt, wie oft sie uns Politikverdrossenen mit dem ein oder anderen verbalen Fauxpas schon ein Schmunzeln oder sogar herzhaftes Lachen bereitet haben.
Was man vom italienischen Präsidenten Berlusconi nun allerdings nicht unbedingt behaupten kann. Nein, wenn das Licht der Öffentlichkeit seine gefärbte Kunsthaarpracht bestrahlt, müssen einem unweigerlich die Tränen kommen. Als ob aber dieser Anblick nicht schon schlimm genug wäre, scheint der Mann ein noch viel größeres Problem zu haben: Er verwechselt nämlich nicht nur andere Personen wie beispielsweise junge Damen und ihr Alter, nein, sich selbst verwechselt er anscheinend obendrein auch noch... und zwar mit Julius Cäsar, Kaiser Augustus, Giacomo Casanova und – naturalmente! - dem römischen Gott Amor höchstpersönlich.
Samstag, 30.07.2011
Heute ist ein Feiertag. Was, Sie glauben mir nicht? Gut, in gewisser Weise haben Sie auch Grund dazu: Heute ist weder ein gesetzlicher noch ein kirchlicher Feiertag und ein Sonntag ist auch nicht im Kalender verzeichnet. Nein, heute ist ein ganz gewöhnlicher Samstag. Doch wenn Sie diese Kolumne bis zum Ende gelesen haben, dann werden Sie mir vielleicht zustimmen und ebenfalls sagen: Ja, heute gibt es wirklich allen Grund, zu feiern.
Zugegeben: der Alltagstrott beherrscht nicht selten unsere Arbeitstage und ebenso die Zeit, die wir am Wochenende haben. Dies und das, was keinen Aufschub duldet, muss auch außerhalb des beruflichen Alltags, der meist schon stressig genug ist, erledigt werden. Und manchmal, da wissen wir zu Recht wirklich nicht mehr, wo uns der Kopf steht. Haushalts- und Familienpflichten, Arzttermine, Steuererklärungen, Unkraut im Garten... alles Mögliche sitzt uns im Nacken.
Und doch ist heute ein Feiertag. Warum? Weil es trotz Hektik, Stress und dem ein oder anderen kleinen oder auch mal größeren Problem zahlreiche triftige Gründe gibt, wirklich froh zu sein.
Fangen wir mal mit einem der vielen guten Gründe an: Wo sind wir zu Hause? Zum Glück nicht in Ostafrika, sondern in einem der reichsten Länder der Erde. Haben wir genug zu essen? Ja, weit mehr als genug. Auch die Auswahl ist überreichlich und kommt nicht selten vom anderen Ende der Erde: Straußenfilets aus Australien und Kiwifrüchte aus Neuseeland warten nach Flügen um die halbe Welt in den Regalen unserer Supermärkte auf willige Käufer.
Wir leben in einem Sozialstaat, der Kindergeld zahlt, der bedürftigen Menschen ein monatliches Einkommen und die Bezahlung ihrer Miete sichert. Wir bewohnen moderne Häuser, die mit Heizungen und Badezimmern ausgestattet sind und nicht selten über mehr als nur eine trinkwassergespülte Toilette verfügen.
Unsere Kinder können nicht nur, nein, sie müssen sogar Schulen besuchen. Wir haben gesetzliche Krankenkassen und was die Medizin betrifft, befinden wir uns auf dem neuesten Stand. Und – nicht zu vergessen – wir haben ein Grundgesetz, wir leben in einem demokratischen Land, in dem jeder seine Meinung frei äußern, seine Religionszugehörigkeit bestimmen, eine Partei gründen und vor Gericht gehen kann. Okay, manche beschweren sich über die vielen Regeln, die es in Deutschland gibt. Aber seien wir mal ehrlich: Die meisten von uns haben doch ganz gerne alles geregelt, oder?
Darüber hinaus sind wir auch über das physische Wohl hinaus gut versorgt. Zahlreiche Hilfsorganisationen und ehrenamtlich Tätige bieten ihre Dienste für Menschen an, die die Last ihrer Probleme nicht mehr alleine tragen können und neben materieller Hilfe nicht selten noch dringender seelischen Beistands bedürfen.
Tja, und dann haben wir da noch die Sonne, die scheint, die Vögel, die zwitschern und die Kinder, die fröhlich auf dem Spielplatz lachen - und wir haben Frieden in unserem Land. Frieden! Ein kostbares Gut, um das Millionen von Menschen in der Welt uns beneiden und unter Einsatz ihres Lebens dafür kämpfen - oftmals jedoch leider vergeblich.
Viele gute Gründe also, diesen auf den ersten Blick ganz und gar gewöhnlichen Samstag zum Feiertag zu erklären... voll tief empfundener Dankbarkeit für die Gnade, in einem solch reichen und schönen Land zu Hause sein zu dürfen.
Samstag, 16.07.2011
Schon unsere Vorfahren aus grauer Vorzeit verspürten den unwiderstehlichen Drang, sich mitzuteilen. Zum Beispiel dadurch, dass sie Höhlenzeichnungen anfertigten, um ihrer Umwelt auf diese Weise Kenntnis darüber zu verschaffen, was sie so alles beschäftigte. Jagdszenen waren die beliebtesten Motive. Keiner Schrift mächtig, war dies die einfachste Methode, sichtbar festzuhalten, welch riesiges Mammut man todesmutig zur Strecke gebracht hatte.
Heute hingegen hat man es nicht mehr nötig, Felswände zu bemalen. Nein, man zückt den Fotoapparat und fotografiert den kapitalen Hecht, den man unter Aufbietung aller Kräfte den Fluten entrissen hat. Dann stellt man das Bild – selbstverständlich mit ausführlichem Kommentar, der die Lebensgefahr beschreibt, in der Angel und Besitzer sich zum Zeitpunkt des Fangs befanden – ins Internet. So, und nun kann die ganze Welt vom Nord- bis zum Südpol teilhaben an diesem Glück – und nicht nur ein paar Altertumsforscher, die sich in eine abgelegene Höhle verirrt haben.
Ja, der Mensch, er teilt sich bis zum heutigen Tage sehr gerne mit. Und kann er dies nicht höchstpersönlich tun, dann weiß er sich unterschiedlichster Mittel zu bedienen, um seine Meinung an den Artgenossen zu bringen. Ein besonders beliebter Botschaftsmitteiler, speziell jetzt in der Urlaubszeit auf Autobahnen und Raststätten gehäuft zu betrachten, ist der Autoaufkleber. Er sorgt dafür, dass die elementarsten Erkenntnisse der Bewohner unseres Dichter-und-Denker-Landes der ahnungslosen Umwelt zuteil werden.
Etwa, dass der stolze Wagenführer vor einem es doch tatsächlich geschafft hat, fünf Jahre zuvor den Hauptschulabschluss zu machen. Dass des Weiteren der kleine Schreihals, der mit hochrotem Kopf im Kindersitz auf der Rückbank seinem Unmut Luft macht, Marvin heißt und das Wollknäuel, das einen von der Ablage aus ankläfft, auf den vielsagenden Namen Romeo hört.
Ja, es ist schon erstaunlich: Fast komplette Lebensläufe lassen sich auf diese Weise nachverfolgen. Man erfährt, welches der bevorzugte Radiosender ist, für welchen Fußballverein die Daumen gedrückt werden und obendrein, dass der tolerante Fahrer keineswegs einer ist, der Mitbürgerinnen, die als minderbemittelt verunglimpft werden, diskriminiert. Oh nein, denn laut eigenem Aufkleber-Bekunden wäre er im Extremfall sogar bereit, für Blondinen zu bremsen.
Diverse weitere Mitteilungen, die zudem untrüglich Aufschluss über Leistungszustand des Fahrzeugs als auch Geisteszustand seines Besitzers zulassen, sind auf der Rückseite so manchen fahrbaren Untersatzes mittels Klebemasse manifestiert: „Fehlende PS werden durch Wahnsinn ersetzt!“. Sehr hilfreich, dieser Hinweis. Weiß man doch gleich, wo man als Hintermann dran ist und kann gebührenden Abstand halten, um nicht womöglich angesteckt zu werden. „Hier arbeiten 360 Pferde und ein Esel lenkt!“. Besten Dank auch für diese Information. Muss man sich also überhaupt nicht im Ansatz wundern, wenn der grauhaarige Fahrzeugführer beim Überholen ein lautes „IAHH!“ von sich gibt.
Manchmal jedoch, da hat man einfach nur Pech gehabt. Dann nämlich, wenn die 360 Pferde so schnell an einem vorbeigaloppieren, dass man beim besten Willen all die wunderbaren philosophischen Aufkleber-Weisheiten nicht lesen kann. Doch keine Sorge: Spätestens in der nächsten Raststätten-Toilette wird man entschädigt... mit den Telefonnummern von Chantal und Jeanette und weiteren, noch weitaus geistreicheren Mitteilungen und Kommentaren, die einem – wenn überhaupt – wohl nur mit entblößtem Hinterteil einfallen können.
Samstag, 02.07.2011
Vergangenen Montag war, ebenso wie in vielen anderen Kalendern, auch in dem der Oberhessischen Zeitung der Eintrag „Siebenschläfer“ zu lesen. Entgegen landläufiger Meinung hat diese Bezeichnung jedoch nichts mit dem Nagetier gleichen Namens zu tun. Nein, dieser Tag ist vielmehr ein Gedenktag für sieben junge Christen, die laut einer Legende im Jahr 251 in ihrem Versteck, einer Berghöhle nahe Ephesus, von ihren Widersachern eingemauert wurden, dort aber wider Erwarten nicht ihr Leben ließen, sondern 195 Jahre geschlafen haben sollen.
Mit dem Wetter hatten die sieben Schläfer hingegen, auch wenn sie möglicherweise während ihres langen Schlafes von Sommer und Sonnenschein geträumt haben mögen, nicht das Geringste zu tun. Eine alte Bauernregel besagt allerdings, dass die Tage um den 27. Juni wetterbestimmend seien: „Das Wetter am Siebenschläfertag sieben Wochen bleiben mag“. Doch auch das stimmt nicht mehr so ganz, denn der eigentliche Siebenschläfertag müsste mittlerweile eigentlich Siebenjulitag heißen, da durch die gregorianische Kalenderreform im Jahre 1582 der Tag, der früher der 27. Juni war, auf den 7. Juli gerutscht ist.
Aber egal. Hauptsache, es ist Sommer, die Sonne scheint und es ist warm. Warm wohlgemerkt, nicht heiß. Was Petrus uns nämlich da zu Beginn der Woche zugemutet hat, das war ein bisschen zu viel des Guten. Über dem heißen Frankfurter Pflaster wurden zum Leidwesen der Bewohner dieser Stadt stellenweise bis zu 35 Grad gemessen. Puh! Da half den überhitzten Städtern nur noch ein Sprung in den Lucae-Brunnen vor der Alten Oper. Was so einigen dort vorbei flanierenden Herren allerdings nicht im Geringsten Abkühlung verschaffte. Nein, ganz im Gegenteil. Bei Betrachtung so manch spärlich bekleideter Badenixe, die lust- und hingebungsvoll im Brunnenwasser plantschte, wurde den Herrschaften nur noch heißer. So heiß, dass gegen diese spezielle Form von Hitzewallungen höchstens Dr. Sommer vielleicht noch ein wirksames Mittelchen hätte parat haben können.
Von derlei Beschwerden bleiben Alsfelder Herren – einige vermutlich zu ihrem größten Bedauern – jedoch gänzlich verschont. Kein Wunder, unser Schwälmer Brunnen in der Obergasse kann höchstens mal zum Kneippschen Fuß- und Wadenbaden herhalten, und die gähnende Leere im Stadtsäckel lässt leider auch nicht zu, dass der Figur des Rotkäppchens von ihrem Ausguck in der Mitte des kleinen Brunnens ein Blick über ausgedehnte Wasserflächen ermöglicht werden könnte.
Doch Not macht bekanntlich erfinderisch, nicht wahr. Und so kam mir in einer mehr als warmen Sommernacht eine wunderbar erfrischende Idee. Des Problems Lösung: Wir heben ein Sommerloch aus! Ja, ein richtig großes - genau dort, wo früher das von mir so schmerzlich vermisste Kaufhaus Kerber seinen Platz hatte. Dieses Sommerloch füllen wir dann mit frischem Schwalmwasser, bauen ein hübsches Mäuerchen drum herum und taufen es feierlich auf den Namen „Alice-Brunnen“!
Die geringen Baukosten haben wir schnell wieder drin, denn alle um unseren Brunnen führenden Straßen werden mit Abschluss der Bauarbeiten mautpflichtig. Ja, und die Errichtung eines Ärztehauses in unmittelbarer Nähe ließe sich dann vielleicht sogar auch noch umsetzen ... vorausgesetzt, wir bringen den berühmten Dr. Sommer dazu, sich in Alsfeld, der einzigen Stadt weltweit, in der es einen Sommerloch-Brunnen gibt, häuslich niederzulassen.
Samstag, 18.06.2011
Seit jeher misst man ihm, besonders wenn er einzeln auftritt, nicht unbedingt Bedeutung bei. Aufgrund seines Mangels an Größe wird der Arme oft nur am Rande wahrgenommen oder sogar gänzlich übersehen. Ja, sehr selten schenkt man ihm die Aufmerksamkeit, die ihm eigentlich gebührt. Schade, dabei ist er doch äußerst wichtig. Denn wüsste man sonst, wo der Satz zu Ende ist? Nein, wüsste man nicht – gäbe es da nicht das kleinste und unscheinbarste aller Satzzeichen, den Punkt.
Der Doppelpunkt hat es da wesentlich einfacher. Kaum erscheint er vor des Lesers Auge, heißt es aufgepasst, denn jetzt könnte was Wichtiges kommen: wörtliche Rede zum Beispiel. Vielleicht auch noch mit Ausrufezeichen, bei dem sich unter einem steil erhobenen Satzzeichenfinger ein einsames kleines Pünktchen, das wieder einmal keinem so richtig auffällt, niedergelassen hat.
Aber so ist es nun mal - einzeln zählt er nicht viel, der bedauernswerte Punkt. Selbst der Aufforderung: „Jetzt mach mal 'nen Punkt!“ folgen ohne punktuellen Nachdruck nur die Wenigsten. Vielleicht, weil sie für die Erstellung des mit Abstand mickrigsten Satzzeichens ihre Zeit nicht verschwenden wollen und es sich ihrer Meinung nach sowieso nicht lohnt, dafür überhaupt den Bleistift zu zücken. Auch so mancher Würfel muss unter dieser Missachtung leiden. Nicht selten landet er nämlich unsanft und in hohem Bogen in der Zimmerecke, weil er zu oft die Unglück verheißende Seite mit diesem einen einsamen Punkt gezeigt hat.
Ach ja, er kann einem echt leid tun, der arme Punkt. In der Geometrie muss er sich die ausgesprochen abwertende Titulierung „nichtausgedehnter Ort in einem beliebigen Raum“ gefallen lassen und andernorts, da macht man ihm sogar gänzlich den Garaus und spricht nur noch vom „toten Punkt“. Lediglich, wenn er quicklebendig durch sportliche Betätigung auf sich aufmerksam macht, misst man ihm, dem springenden Punkt, ein klein wenig mehr Bedeutung bei. Sonst allerdings schert man sich um den Einzelgänger herzlich wenig. Nein, da muss er schon mit „Germany, twelve points!“ im ganzen Dutzend beim Eurovision-Song-Contest antreten.
In manchen Fällen ist der Punkt allerdings auch in Begleitung zahlreicher Artgenossen extrem ungern gesehen. In Form von Sommersprossen auf den Nasenrücken schönheitsbewusster Teenager zum Beispiel oder als markantes Erkennungszeichen auf dem Hut des giftigen Fliegenpilzes.
So richtig unbeliebt macht er sich allerdings, wenn er sich in der Kartei des Kraftfahrt-Bundesamtes niedergelassen hat. Gerade einmal achtzehn läppische Pünktchen reichen da nämlich aus, damit man seinen fahrbaren Untersatz stehen lassen muss und sich fortan (pünktlich!) zu den Treffpunkten der Öffentlichen-Nahverkehr-Benutzer begeben darf.
Einzig allein der Marienkäfer ist es, der mit seinen Punkten und der Punktlandung auf dem über und über mit Blattläusen besiedelten Rosenstrauch noch bei uns punkten kann - oder unser siegreicher Basketball-Export, bezüglich dessen es in Amerika zu Beginn dieser Woche hieß: „Dirk Nowitzki überschreitet die 22000-Punkte-Marke und holt den NBA-Titel!“. Ja, die Sache mit dem Punkt, den Punkten und Pünktchen, die hat es echt in sich – und musste deshalb in dieser Kolumne unbedingt mal auf den Punkt gebracht werden. So, aber das war's jetzt auch für heute: Schluss, aus, Ende...und Punkt.